Hildchens Schreibereien und Bilder
 
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Geschichten und Gedichte

Sonntags-Blues

 

Das Kirchengeläut hat mich wieder geweckt

und irgendein Kobold die Brille versteckt.

Der Sonntag fängt an mit Schimpfen und Fluchen:

Ich brauch eine Brille um meine zu suchen!

Sie steckt im Pantoffel, ich spürs an den Zeh’n,

nun muss ich sie putzen um deutlich zu seh’n.

Die Kaffeemaschine ist ausgelaufen,

ich muss mir wohl doch eine neue kaufen.

Ein kleines Tässchen hat sie mir noch gemacht

mit dem Kaffeepulver, berechnet für acht.

 

Sonntags, sonntags, immer wieder sonntags hab ich den Sonntags-Blues…

 

Mein Schädel ist heut fürs Gehirn viel zu klein,

da lass ich den Blick in den Spiegel mal sein.

Und sonntags zu duschen macht gar keinen Sinn –

weil alle das tun ist der Wasserdruck hin.

Ich möchte zum Bäcker, doch der hat schon zu,

ab elf herrscht bei denen die Feiertagsruh.

Es ist ja noch Brot da, doch ist es schon alt,

die Wurst ist verschrumpelt zu krauser Gestalt.

Ein Löffel Nutella, auch zwei oder drei –

und schon ist der Hunger fürs erste vorbei.

 

Sonntags, sonntags, immer wieder sonntags hab ich den Sonntags-Blues…

 

Ich schau aus dem Fenster, der Himmel ist grau,

nichts lockt mich nach draußen, auch fühl ich mich flau.

Die Straßen sind leer, die Geschäfte sind zu,

ich leg mich aufs Sofa, will bloß meine Ruh,

doch kann ich nicht schlafen. Ich nehme ein Buch.

Es kommt ja eh keiner zu mir zu Besuch.

Es dauert nicht lang und die Woche bricht an –

und ich hab mal wieder rein gar nichts getan.

Man nennt zwar den Sonntag den Tag unsres Herrn,

doch irgendwie mag ich den Sonntag nicht gern.

 

Sonntags, sonntags, immer wieder sonntags hab ich den Sonntags-Blues,

den öden, blöden Sonntags-Blues.

 

 Hildegard  Iverson


Wir haben gewonnen!

 

Mein Sohn Adrian schwenkte einen großen Umschlag: „Endlich haben wir einmal was gewonnen!“ Er hatte beim Gewinnspiel einer Zigarettenfirma, die ich nicht nennen möchte, mitgemacht und nun durfte er mit einer Begleitperson eine Woche eine Überraschungs-Adventure-Fahrt mitmachen. Ein Geländefahrzeug mit einer Schlafkabine würde ihm bereit gestellt, mit Proviant für eine Woche und 500 Euro Taschengeld. Man würde ihn an einem geheim gehaltenen Ort absetzen und dort später auch wieder abholen.

 

Er war völlig aus dem Häuschen: „Und du kommst mit, Mutti!“ Ich - auf eine Abenteuerfahrt, das war mir doch ein etwas seltsamer Gedanke. Irgendwie hatte ich so eine Vision von Schlamm und Würmern und Tieren mit zu vielen Beinen. Abenteuerfahrt, war das nicht eher etwas für so junge coole Sportstypen wie ihn? Doch er bestand darauf, bestimmt würde ich eine Menge Spaß haben und vielleicht wirklich das Abenteuer meines Lebens erleben. „Überleg doch mal!“ Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann man ihn nur durch List davon abbringen, aber diesmal fiel mir einfach nichts ein.

 

Wir packten, wie es in dem Brief stand, warme, regenfeste Kleidung zusammen (Schlamm?) und machten uns auf den Weg zum Flughafen Düsseldorf. Nach Glasgow sollte der Flug gehen. Mehr wurde uns nicht verraten. In Glasgow wurden wir begrüßt und in ein kleines Flugzeug umgeladen. Es flog durch ziemlich dichten Nebel und landete schließlich auf einer unbekannten, wie es aussah, ziemlich unbewohnten Insel. Am Flughafen (eher einer großen Wiese mit einer Blechhütte) wartete tatsächlich das Geländefahrzeug auf uns. Eine Schlafkabine war darauf, eine Kiste mit Proviant und ein Gaskocher mit Blechtöpfen. Man drückte uns eine Karte in die Hand, verabschiedete sich: „In einer Woche holen wir euch hier wieder ab, wir sind hier, wo der rote Punkt auf der Karte ist.“

 

Adrian schnappte sich die Karte. „Was steht denn da für komisches Zeug drauf?“ murmelte er. „Wo sind wir hier überhaupt?“ „Halt die Karte doch einfach richtig herum!“ meinte ich. „Ich halte sie richtig herum!“ entrüstete er sich. „Da, guck doch selbst!“ Hmm. Wo hatte ich solche merkwürdigen Buchstabenkombinationen schon einmal gesehen? „Gälisch ist das!“ fiel mir ein. Gälisch? „Keine Ahnung wo wir sind!“ Na, wir fuhren erst mal los, uns ein bißchen orientieren. Wo der Weg, eine Straße konnte man das kaum nennen, nicht steinig war, war er schlammig. Immer noch war der Nebel ziemlich dicht und naß. Na, da hatte ich mich ja auf etwas Tolles eingelassen.

 

Wir fuhren einmal an einer Ansammlung kleiner Häuser aus Steinbrocken vorbei, die allesamt ziemlich unbewohnt aussahen, weit und breit war kein Mensch zu sehen. Soweit man im Nebel erkennen konnte, war alles recht grün. Wofür wir hier unsere 500 Euro ausgeben sollten, war mir schleierhaft. Vielleicht finden wir ja einen Ort, wo wir fragen können, dachte ich. Ob hier einer vielleicht irgendwo ein wenig Englisch sprach, wenn man denn jemanden finden würde?

 

-2- Wir waren etwa eine Stunde gefahren, als sich der Nebel etwas lichtete. Da blieb das Fahrzeug stehen. Adrian drehte den Zündschlüssel: nichts passierte, nicht einmal ein Klick. Die Tankanzeige stand auf „voll“, daran konnte es nicht liegen. Wieder und wieder versuchte Adrian, das Auto zu starten, nichts. Unser Handy hatte keinen Empfang. Und jetzt? „Wenn ich Gummistiefel hätte, würde ich jetzt losmarschieren und versuchen, jemanden zu finden.“ sagte ich. „Gummistiefel stehen hinter deinem Sitz!“ hatte mein lieber Sohn entdeckt. Ein Paar paßte auch so ungefähr (hätte ich bloß meinen Mund gehalten!). „Du bleibst hier im Wagen, vielleicht kommt ja jemand vorbei, oder er funktioniert auf einmal wieder, ich gehe jetzt los!“ Wenigstens mal eine Weile Ruhe wollte ich mir gönnen, ohne mit einer endlosen Folge von wenns, abers, vielleichts und ähnlich hilflosen Wörtern bombardiert zu werden, die jetzt kommen würden, also stiefelte ich los.

 

Es war erstaunlich mild, und die Bewegung tat mir gut. Ich ging und ging, irgendwann fiel mir auf, daß ich vor mich hin summte, als wäre ich der zufriedenste Mensch auf der Welt. Und so fühlte ich mich auch, leicht und beschwingt, ohne die geringsten Sorgen. Darüber mochte ich mir weiter keine Gedanken machen. Auf einmal teilte sich der Weg in drei, an jeder Einmündung stand eine Tafel voll gälischer Worte. Ich suchte mir die aus, die mir den nettesten Eindruck machte und nahm den Weg nach links. Schließlich kam ich in einen Wald. Mittlerweile war ich doch etwas müde geworden und fand eine einladende, bemooste Baumwurzel, auf die ich mich setzte. Schön weich war das, und auch der Stamm war weich und warm. Ich muß wohl ein wenig eingenickt sein. Plötzlich weckte mich eine tiefe Stimme: „Na, sitzt sich das gut auf meinem Fuß?“ Hä?

Niemand zu sehen. „Du sitzt auf meinem Fuß!“ Ich blickte nach oben. Es sah aus, als hätte dieser riesige Baum ein Gesicht, und das grinste. Erschrocken sprang ich auf und lief ein Stück weiter bis auf eine Lichtung. Das hatte ich ja wohl geträumt!

 

Ich stand mitten auf einer Kleewiese. Wie immer, wenn ich im Klee stehe, sah ich genauer hin und fand auch tatsächlich ein vierblättriges Kleeblatt. „So, jetzt hast du also den Schlüssel gefunden!“ sagte ein feines Stimmchen. Vor mir stand ein winziges, zartes, blondes Mädchen. Sie hatte spitze Ohren und ein wunderschönes Lächeln auf ihrem breiten Mund. „Weißt du vielleicht, ob es hier irgendwo einen Automechaniker gibt?“ fragte ich. Ihre grünen Augen wurden groß: „Was ist das? Ein Atomchemiker?“ „Ein Automechaniker!“ „Sowas gibt’s nicht.“ „Doch, und ich muß einen finden!“ „Komm mit!“ rief sie und tanzte vor mir her. Mittlerweile schien die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Ich hüpfte hinter dem Kind her. Wann war ich das letzte Mal gehüpft?

 

Sie schlüpfte unter einem Flechtenvorhang durch und da hörte ich die Musik. Eine ganz zauberhafte Musik, so etwas hatte ich noch nie gehört! Und dann sah ich das kleine Völkchen: wer kein Instrument spielte, tanzte und drehte sich im Kreis, wunderliche Kostüme trugen sie, keiner sah allerdings aus wie ein Automechaniker. Auf einmal wußte ich selbst nicht mehr so genau was das eigentlich war, ein Autom-was? Was hatte ich eigentlich gewollt? Na egal. Solche Gesichter hatte ich noch nie gesehen, von bizarr bis wunderschön, alle aber ganz friedlich und lustig. Die Kleine, die mich hergebracht hatte, reichte mir ein süßes Getränk in einer Eierschale. Ja, ich hatte tatsächlich großen Durst, --3- und Hunger, merkte ich jetzt. Als hätte man es geahnt, gaben sie mir auf einem großen, grünen Blatt kleine, seltsam geformte Gebäckstücke, die köstlich schmeckten.

 

„Weißt du ein Lied?“ wurde ich gefragt. Spontan fiel mir nur das Lied von der Lorelei ein, das ich meinem Sohn früher vorgesungen hatte, als er noch klein und kritiklos war und nicht weglaufen konnte. „Ach, die alte Lorelei!“ riefen sie fröhlich: „Lebt die auch noch?“ Und dann fingen sie an, Geschichten zu erzählen, viele wundersame Geschichten. „Bitte schreibe sie für uns auf, wir wissen, daß du schreiben kannst, wir können das nicht, aber wir möchten unsere Geschichten in einem Buch haben!“ Sie gaben mir ein dickes Buch mit vielen leeren Seiten. Sie spielten wieder ihre herrliche Musik und ich schrieb und schrieb und schrieb, Tage und Nächte, und ich wurde nicht müde, alle Geschichten aufzuschreiben.

 

Schließlich war das Buch voll, viele hundert Seiten. Ich hatte mich noch nie so wohl gefühlt. „Kannst du auch malen? Dann mal uns!“ Sie gaben mir ein neues Buch und ich malte sie alle, viele Tage und Nächte. Es wurden schöne Bilder und sie freuten sich daran, genau wie ich.

 

Eines Tages sah ich, wie eins ihrer Kinder auf einen Baum kletterte und kopfüber in den Teich stürzte. Die kleinen Leute schrien entsetzlich! „Wir können nicht ins Wasser! Das Kind muß sterben!“ Ich überlegte nicht lange, sprang in den Teich und versuchte, das Kind zu fassen. Neben mir tauchte eine große, grüne, knochige Hand aus dem Wasser auf und griff nach dem Kind. „Hau bloß ab!“ rief ich, biß feste in einen der Knochenfinger (schmeckte scheußlich!), und die kleinen Leute kreischten laut. Es gelang mir, das Kind am Ärmel zu fassen, und ich watete mit ihm ans Ufer. Es war ganz naß und blaß und atmete kaum noch. Ich erinnerte mich an einige Kniffe aus der ersten Hilfe, und bald ging es dem Kind wieder gut.

 

Da fiel mir ein daß ich ja auch ein Kind hatte, einen Sohn, den Adrian, der auf mich wartete, schon endlose Tage und Nächte auf mich warten mußte. „Ich muß fort!“ rief ich aus. „Wir wollten dich bei uns behalten, damit du alles schreiben und malen sollst von uns.“ sagte ein altes Männlein mit einem Bart bis zum Boden. „Aber du hast einem von uns das Leben gerettet, und wir müssen dich gehen lassen. So sind unsere Gesetze.“ Er steckte mir ein feines goldenes Ringlein an den Finger und streichelte meine Hand. „Fiona wird dich zurückbringen.“ Da stand wieder das winzige Mädchen vor mir und winkte mir, ihr zu folgen. Sie brachte mich bis zu dem großen, weichen Baum, an dem ich eingeschlafen war. Ich setze mich noch einmal hin, denn ich war plötzlich sehr müde.

„Jetzt sitzt du schon wieder auf meinem Fuß!“ hörte ich noch, dann schlief ich ein.

 

„Also wirklich, Mutti! Hier liegst du und pennst, und ich warte auf dich! Das Auto springt wieder an und du warst eine ganze Stunde weg! Bloß gut, daß ich dich gefunden habe!“- „Ach, wenn du wüßtest was ich erlebt habe!“- „Was hast du erlebt, gepennt hast du!“- „Tja, wenn du so fragst, ich habe es einfach vergessen...“ Ich sah auf meinen Finger: da glänzte ein feines, goldenes Ringlein. Wie war das nur da hingekommen?

 Hildegard Iverson


Aberweg

 

Die Unnermutter ruft.

Blubbernd aus tiefem Schlund

dringen faulige Blasen

unten im sumpfigen Grund.

Schwefelgestank. Schleimgeworr.

 

Komm Kind komm –

die Nacht ist lang.

 

Im schwarzen See lockt der Nöck,

die Arme krakenlang,

mit Silberschatzglitzer vom Mond

im dunklen gleimen Tang.

Giftsüße Worte wispernd.

 

Komm Kind komm –

die Nacht ist lang.

 

Fetzen von Flechten verbergen den Speifel,

zischende Blitze kaltblauer Glut.

Spitzkreischig schleudert er Hexengespucke

zackige Pfeile brennender Wut,

borstenstrotzig, widerhakend.

 

Komm Kind komm –

die Nacht ist lang.

 

Im fahlen Licht des Morgengraus

die Kerze verglomm.

Der Mutter Stimme ruft nicht mehr:

Komm!

    Kind!

        Komm!

Die Uhr bleibt stehen.

 

Die Urgroßmutter senkt den Kopf

und spricht den Reim:

 

Wer auf den Aberweg gerät,

kehrt nimmer heim.

 

 

Hildegard Iverson                             


Die Geschichte vom glücklichen Schwein

 

An einem Frühlingstag vor langer, langer Zeit wurde dem guten alten Herzog Eugen von Boravia endlich ein Sohn geboren. Der Jubel schallte durch das ganze etwas baufällige kleine Schloss, Eugen war nach den vielen Kriegen doch recht arm geworden. Aber um so größer war seine Freude, bis er den Kleinen sah. „Sehen alle Säuglinge so aus?“ fragte er seine abgekämpfte Frau. Dabei war es schon damals so, dass alle Mütter ihre Kinder schön fanden. „Er sieht eher aus wie ein..., wie ein..., nein, ich weiß es nicht...“ murmelte der Herzog. Aber die Herzogin strahlte ihren Sohn und ihren Mann an und alle waren glücklich.

 

Zur Taufe wurden, wie es damals üblich war, auch die Feen geladen, und es kamen zwei, Mina, die Gute, und Mona, die Böse. Sie beugten sich über die Wiege. „Das war ich nicht!“ rief Mona. „Der sah schon so aus als wir kamen.“ „Ach du liebe Federwolke!“ entsetzte sich Mina. „Der sieht ja aus wie ein Schwein!“ Mina und Mona berieten sich lange über passende Taufgeschenke. Mona schlug schließlich vor, ihn als ihr allerbestes Geschenk einfach in Ruhe zu lassen. Mina flüsterte in sein spitzes Öhrchen: „Und ich wünsche dir Glück bei allem was du anfängst.“

 

Mina durfte ihn über das Taufbecken halten. Er wurde auf den Namen Felix, der Glückliche, getauft, da Nomen ja bekanntlich Omen sein soll, das wurde schon im alten Boravia so gesehen. Felix wuchs heran, wurde erst ein strammes Kerlchen und später ein Junge, der stets gut im Futter stand. Die Gassenkinder nannten ihn von Anfang an „Ferkel“ und Felix gewöhnte sich daran und fand nichts dabei. Erst als er größer war, fand er den Namen etwas albern, so nannten sie ihn „Schwein“, und er war zufrieden damit. Es war ja kein Schimpfname, denn wenn er sich in einem Spiegel sah, wußte er, dass sie recht hatten, so sah er nun mal aus. Er hatte ein sonniges Gemüt und konnte keiner Seele etwas zu Leide tun. Und alle hatten ihn gern.

 

Was er auch anfing, alles gelang ihm. Die Gassenkinder waren nicht etwa neidisch darauf, sie fanden es ausgesprochen praktisch. Wenn es beim Müller Kirschen oder beim Bauern Eier zu stehlen galt, schickten sie Felix vor, denn er wurde nie erwischt. Hatten sie beim Fußballspielen eine Fensterscheibe zertrümmert, ließen sie Felix den Ball holen, denn ihm war nie jemand böse. Besonders gerne gingen sie mit ihm auf Schatzsuche, denn Felix, das Schwein, fand stets die hübschesten und kostbarsten Dinge, eines Tages sogar einen Haufen Trüffel unter einem Baum, und ganz selbstverständlich teilte er alles mit ihnen. Es war eine herrliche Zeit damals in Boravia. Mit Felix war auch endlich der Friede ins Land gezogen.

 

Als er in den Stimmbruch gekommen war, rief ihn sein Vater eines Tages zu sich: „Es wird Zeit, dass du auf die Wanderschaft gehst, mein Sohn. Du stehst ein wenig zu gut im Speck, da wird dir die Bewegung gut tun. Und außerdem sollst du etwas lernen in der weiten Welt. Wenn du eines Tages mein Erbe antrittst, sollen sie nicht sagen können, dass du ein dummes Schwein bist.“ Felix war’s nicht nur zufrieden, er freute sich regelrecht darauf. Er packte seinen Beutel und zog los.

 

Und es kam, wie es kommen musste: alles ging gut. Keine Wegelagerer überfielen ihn, nie war er gerade auf der Straße, wenn es regnete. Nie geriet er in ein Wirtshaus mit schlechter Küche und unfreundlicher Bedienung, er lief sich keine Blasen und stolperte nicht über Steine oder Wurzeln. Wenn er an einen Fluss kam, war immer gerade ein freundlicher Fährmann zur Stelle, und immer fanden sich nette Weggefährten, mit denen er viele heitere Meilen teilte.

 

Hier und dort lernte er verschiedene Handwerke kennen und zog eine Weile mit einem Bader durch die Gegend, dessen Heilmittel so lange Wunderwirkung zeigten, wie Felix, das Schwein, dabei war. Der Bader trauerte ihm lange nach, als er weiterzog. An verschiedenen Fürstenhöfen verdingte er sich als Schreiber, denn er hatte eine sehr schöne Schrift und wusste sich trefflich auszudrücken. Überall hätte man ihn gern bei sich behalten, denn das Glück zog mit Felix.

 

Das ging einige Jahre so fort, bis er eines Tages an den Hof des Königs kam. Der hatte eine Tochter, die tagein, tagaus in ihrem Kämmerlein saß und weinte. Er hatte bekannt machen lassen, dass der, der sie zum Lachen bringen würde, sie zur Frau bekäme. Es waren schon etliche Burschen zum Königsschloss gekommen, aber alle waren gleich wieder fortgegangen, als sie die Prinzessin sahen, denn sie war in keiner Weise schön. Darum wurde das mit dem Weinen auch immer schlimmer und der König und die Königin grämten sich sehr. Bis Felix kam.

 

„Der sieht ja aus wie ein Schwein!“ prustete die Prinzessin und hielt sich den Bauch vor Lachen. Sie lachte so laut und so lange, dass Felix sie sich in aller Ruhe betrachten konnte. Sie gefiel ihm, denn sie war dick und rund wie er selber. Und dass sie ihn „Schwein“ nannte, das fand er nur recht. Und als sie sich näher kennenlernten, stellte sich heraus, dass sie ein ebenso sonniges Gemüt hatte wie er.

 

Es gab eine große Hochzeitsfeier und alle waren glücklich, besonders der alte Herzog Eugen, der seinem Sohn immer nur das Beste gewünscht hatte. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute in der glücklichsten Ehe, die man sich nur vorstellen kann.

 

Seither heißt es überall: „Schwein gehabt!“, wenn etwas gut ausging.

 

 

Hildegard Iverson                                 22.11.05

 

 

Fremde Federn

 

Häuptling weiser Adler

war weder mutig noch stark

und nicht ganz schwindelfrei,

eher träge, doch listig und schlau.

 

Und als sein Kopfputz Federn ließ,

stieg er nicht etwa die Steilwand hinauf

zum Horst, um Nachschub zu holen,

sondern schlich in die Küche zu seiner Squaw,

die eben den Truthahn zum Festmahl rupfte.

Die Federn, lang und kräftig,

mit etwas Farbe versehen –

das mußte gehen.

 

Und so trat er, den Kopfschmuck aufgeputzt,

mit fremden Federn geschmückt vor sein Volk.

 

Ein wenig taub schon hörte er nicht,

wie Klein Adlerauge, der Bengel, raunte:

„Hier seht ihr: Häuptling dummer Puter!“

Und etwas kurzsichtig sah er

die Reihen vom Grinsen entblößter Zähne

als freundliches Lächeln.

Häuptling weiser Adler.

 

Hildegard Iverson 


Scheiden tut weh

 

Die Zeit ist reif. Wir müssen uns nun trennen,

auch wenn es Kummer bringt und Leid und Weh.

Es muss so sein. Lasst uns gemeinsam flennen,

weil ich ab morgen ohne Euch hier steh’.

 

Es war so schön! Wir aßen und wir tranken,

wir sangen und wir lachten viel und oft.

Dafür will ich mich heut noch mal bedanken –

oft kommt es anders als man sich’s erhofft.

 

Wenn es Euch schlecht ging, hab auch ich gelitten,

gemeinsam trugen wir den größten Schmerz.

Wie schnell ist uns die gute Zeit entglitten,

und Traurigkeit erfüllt mein ganzes Herz!

 

So viele Jahre waren wir beisammen

und immer teilten wir uns Freud und Leid.

Aus Euren Wurzeln schien auch ich zu stammen,

doch morgen endet die Gemeinsamkeit.

 

Es ist vorbei. Man reißt Euch aus den Zeiten

und Ihr verschwindet in der Dunkelheit.

Ihr Zähne dürft mich nun nicht mehr begleiten.

Ab morgen kommt die Vollprothesenzeit…

 

 
HildegardIverson                                                                                                                            11.09.06


 
 

 

Grüne Augen (Katzentatzen-Rap)

 

Grüne Augen sehen alles, grüne Augen sehen mehr,

gucken drüber, gucken drunter, gucken hin und gucken her,

seh’n in Schränke, Tüten, Taschen, seh’n die Fliege an der Wand,

seh’n dir mitten in die Seele und die Wurst in deiner Hand.

 

Das ist der Tigerkatzen-Rap,

das ist der Katzentatzen-Rap.

 

Katzentatzen wollen kratzen: Teppich, Sofa, Tür und Wand,

in den Blumen, in der Wäsche, manchmal auch im Katzensand.

Katzentatzen wollen klettern, klettern rauf und klettern rein,

klettern hoch an der Gardine oder auch an deinem Bein.

 

Das ist der Tigerkatzen-Rap,

das ist der Katzentatzen-Rap.

 

Katzenpfoten wollen spielen, rollen Wolle hin und her,

angeln unterm Sofakissen nach dem Taschentuch und mehr,

fischen in der Einkaufstüte: hast du mir was mitgebracht?,

haschen nach den nackten Zehen unter Decken in der Nacht.

 

Das ist der Tigerkatzen-Rap,

das ist der Katzentatzen-Rap.

 

Manchmal will die Katze schmusen, reibt sich zart an deinem Bein,

und du schmilzt von ihrem Schnurren, kannst ihr nicht mehr böse sein.

Schon liegt sie auf deinem Schoße und du kraulst ihr ihren Bauch,

streichelst ihre Katzenbäckchen und du denkst sie liebt dich auch.

 

Das ist der Tigerkatzen-Rap,

das ist der Katzentatzen-Rap.

 

Miau.

 

Hildegard Iverson                                                 10.11.04

 

 

Kinderglück

 

Die Mäuse haben in der Nacht

ein Stückchen Glück ins Haus gebracht.

Ich sah es schimmern unterm Herd.

 

Die Mutter war sehr aufgebracht,

hat alle Mäuse totgemacht

und hat das Glück hinausgekehrt.

 

 

 

Hildegard Iverson         05.12.05


 

Hildegard Iverson

 

Man kann nicht alles fotografieren

 

Ich war am Abend vorher auf Karpathos gelandet und sollte nun den schönsten Urlaub meines Lebens verbringen. Es fing am ersten Tag, in der ersten Stunde am Strand an.

 

Als ich sie das erste Mal sah, saß sie dort und blickte den Wolken nach. Sie drehte sich um, als sie meine Schritte hörte, und strahlte mich mit dem bezauberndsten Lächeln der Welt an, fast so als hätte sie auf mich gewartet. Sie erhob sich und reichte mir ihre schmale, kühle Hand: „Willkommen in Griechenland,“ sagte sie „wo die Götter Urlaub machen!“  Viele Stunden gingen wir am Strand entlang und sie erzählte mir alles über die Geschichte der Insel, Sagen und Märchen aus alten Zeiten, und einmal sang sie ein Lied in fremder Sprache, eine zarte, wehmütige Melodie, die mich in meinem tiefsten Inneren anrührte. So verging der Tag, und es war mir, als hätte ich sie schon mein Leben lang gekannt.

 

Abends saßen wir in einer Taverne, tranken roten Wein und sie streichelte die Katzen, die ihr um die Beine strichen. So viele Katzen! Ich hatte mir nie viel aus Katzen gemacht, aber an diesem Abend hätte ich mich selbst gerne in eine verwandelt. Als der Mond schon hoch am Himmel stand, verabschiedete sie sich mit einem Hauch von Kuß: „Wir sehen uns morgen.“ Ich weiß gar nicht mehr, wie ich in mein Zimmer gekommen bin.

 

Am nächsten Morgen kam es mir vor, als hätte ich den gestrigen Tag nur geträumt. Ich nahm meine neue Digitalkamera mit, um ein paar Fotos zu machen. Gerade fotografierte ich eine alte, schneeweiße Kirche, als sie aus dem Portal trat. „Guten Morgen!“ strahlte sie mich an. Es war kein Traum gewesen und es fühlte sich an, als würde mein Herz vor Glück platzen. „Komm, ich mache ein Foto von dir!“ schlug ich vor.  „Du kannst mich nicht fotografieren“ sagte sie. „Mit dieser Kamera kann ich alles fotografieren!“ prahlte ich, denn ich war sehr stolz auf dieses neue Teil. Ich drückte auf den Auslöser, um ihr schönes Lächeln festzuhalten. Alles war scharf auf dem Display, nur sie war verschwommen, verwackelt. „Du kannst mich nicht fotografieren“ sagte sie noch einmal. „Steh doch bitte mal ganz still.“ Ich versuchte es noch einmal, mit einer anderen Belichtung: wieder war sie verwackelt und alles andere ganz klar. Das verstand ich nicht ganz, irgend etwas stimmte mit der Kamera nicht, vielleicht war sie feucht geworden.

 

„Komm, ich zeige dir die Ikonostase“ schlug sie vor und zog mich in die Kirche. Wieder sprudelten alte Geschichten aus ihr heraus und ich hörte fasziniert zu. Noch niemals hatte mich jemand mit Erzählungen so in den Bann geschlagen. Es war, als trieb ich schwerelos durch vergangene Jahrhunderte. Sie schien meine Gedanken lesen zu können, denn immer wenn mir eine Frage in den Sinn kam, gab sie mir die Antwort, bevor ich etwas sagte.

 

Viel später an diesem Tag, als wir unter einem Sonnenschirm vor einem Café saßen, entdeckte ich eine Frage, die ich beinahe vergessen hätte: „Wer bist du eigentlich?“ „Ich bin eine Tochter der Insel.“ Sie sprach ein akzentfreies Deutsch, das wunderte mich. Sie habe viele Sprachen gelernt, meinte sie. Rätselhaft waren mir auch ihre Farben: sie hatte dunkles, seidiges Haar, einen hellen Teint und tiefblaue Augen, so blau wie der Himmel über Griechenland. Nun, ich wollte mich von ihrem Anblick, ihrer Gegenwart, ihrer Stimme einfach bezaubern lassen, es war nicht die richtige Zeit für Rätsel. Angela war ihr Name, das verriet sie mir. Als ich bezahlen wollte, fühlte ich in meiner Tasche wieder die Kamera. Hier im Schatten des Sonnenschirms lag ein blauer Schimmer auf ihrem Gesicht, der sie noch hübscher machte. Wieder machte ich eine Aufnahme, und wieder war sie nicht richtig zu erkennen. „Du kannst mich nicht fotografieren“ sagte sie noch einmal und lachte leise. Ich drehte mich um, fotografierte die Blumen, die Bäume, die Häuser, die Gärten, das Meer und die Wolken. Alle Aufnahmen wurden gestochen scharf. Vielleicht hatte ich nicht die richtige Einstellung für Portraits gewählt? Die Kamera war ganz neu, ich mußte noch einmal die Bedienungsanleitung durchlesen. Aber nicht jetzt.

 

Spät am Abend verabschiedete sie sich wieder mit einem zarten Kuß und sagte: „Wir sehen uns morgen.“ Als ich in mein Zimmer kam, war ich so müde, daß ich noch halb angezogen einschlief und nach einer traumlosen Nacht erholt aufwachte. Ich suchte nach der Bedienungsanleitung für meine Kamera, aber ich konnte sie nicht finden. Hatte ich sie überhaupt mitgenommen? Ich fluchte leise über meinen Tick, jedes überflüssige Gramm beim Einpacken zu vermeiden. Na ja, schade, aber nicht zu ändern.

 

Ich war noch keine 30 Meter von meinem Hotel entfernt, da lief Angela auf mich zu. Heute hatte sie die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Wir fanden zu einer einsamen Bucht und schwammen im Meer. Sie tauchte mit mir in eine Höhle, deren Eingang unter dem Wasserspiegel lag. Wieder eine atemberaubende Märchenwelt! Später, als sie am Strand auf einem Handtuch lag und schlief, machte ich noch einmal heimlich ein Foto von ihr. Dieses Mal war überhaupt nichts auf dem Bild, nur ein verschwommenes Blau. Ich würde die Kamera wohl reklamieren müssen.

 

An den nächsten Tagen nahm ich die Kamera gar nicht mehr mit. Ein Tag war schöner als der andere, wir lachten und tanzten durch unser Leben. Aber jeden Abend verabschiedete sie sich von mir und sagte „Wir sehen uns morgen“. Ich versuchte einmal, ihr nachzugehen, aber ich verlor sie aus den Augen. Griechische Mädchen sind sehr auf ihre Ehre bedacht, hatte man mir gesagt, und ich wollte sie nicht bedrängen. Es wurde mir immer stärker bewußt, daß ich sie heiraten wollte, aber das sollte eine Überraschung werden für den letzten Abend. Ich kaufte von meinem spärlichen Gehalt einen Ring mit einem kleinen blauen Stein für sie, den wollte ich ihr anstecken.

 

Um so entsetzter war ich, als sie mir am vorletzten Abend ins Ohr flüsterte: „Morgen bin ich nicht mehr da. Lebe wohl!“ Verzweifelt rannte ich hinter ihr her, aber wieder war sie plötzlich verschwunden. An meinem letzten Urlaubstag sollte ich sie nun nicht mehr sehen! Ich wußte nichts Rechtes mehr mit den letzten Stunden anzufangen, also holte ich noch einmal die Kamera heraus und fotografierte wild in der Gegend herum: eine alte Tempelruine, Blumen, die aus einer Felsspalte wuchsen, ein paar zottelige Ziegen, Katzen, Vögel und zum Schluß noch den Friedhof, der so anders aussah als bei uns. Dann mußte ich mich plötzlich sehr beeilen, um den Bus zum Flughafen noch zu erwischen. Als die Insel unter mir in der Abendsonne verschwand, dachte ich noch einmal an den schönsten und traurigsten Urlaub meines Lebens.

 

Viele Wochen hatte ich die Kamera einfach vergessen, bis mir an einem verregneten Nachmittag noch einmal die Bilder von Griechenland einfielen, vielleicht konnte ich Angela ja auf der Vergrößerung am Bildschirm doch noch erkennen. Zu meinem Entsetzen waren die Bilder, die ich von ihr aufgenommen hatte, ganz milchig weiß! Die anderen Fotos waren sehr gut geworden. Interessant war besonders der Friedhof, auf dem ich wahllos doch einige sehr hübsche Grabstätten aufgenommen hatte. Plötzlich durchfuhr mich ein eisiger Schreck! Angela? Ich vergrößerte die Aufnahme. Das war ein Foto von Angela dort auf dem Stein, ganz eindeutig! Unter ihrem Bild stand etwas in griechischen Buchstaben, aber die Zahlen konnte ich lesen: 15.6.1982 und 17.5.2001.

 
 


 

Hildegard Iverson

 

Dreh dich nicht um...

 

... denn der Plumpsack geht herum! Ein alter Kinderreim, ein Spiel. An die Gefühle dabei kann ich mich noch gut erinnern: Eine winzige scharfe Angst, Lähmung, Herzklopfen, flache Atmung, zitterndes Erwarten des Schlags. Es war kein schönes Spiel für mich.

 

Warum ich heute daran denke: Diese Gefühle sind zurückgekehrt, nur stärker, schärfer, bedrohlicher, weil ich das Ausmaß der drohenden Katastrophe nicht kenne. Nur nicht umdrehen, flüstern die Stimmen, und es wird immer schlimmer. Einmal, ganz am Anfang, habe ich mich blitzschnell umgedreht und ich sah aus dem Augenwinkel etwas weghuschen. Mittlerweile hat mich die Lähmung so im Griff, daß ich mich nicht einmal mehr drehen kann, mein Nacken, mein Rücken sind steif geworden, meine Schritte klein und vorsichtig, mein Puls rast und ich bekomme kaum noch Luft, meine Stimme ist ganz leise. Wenn ich um Hilfe riefe, würde mich keiner hören. Aber wer sollte mir auch helfen, wer mir überhaupt glauben?

 

Wie soll ich erklären, was ich nicht sehen kann? Ich höre sie nur immer und immer wieder. Sie machen sich über mich lustig, hänseln mich, kichern, knurren, sie befehlen mir und drohen, wenn ich nicht gehorche. Manchmal klingen sie auch richtig freundlich, dann habe ich die größte Angst vor

 
   
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